Desiree Singh: „Es fehlt noch die nötige Kraft“

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Desiree Singh ist Schülerin, alleinerziehende Mutter und eines der größten deutschen Stabhochsprung-Talente. Im Interview spricht die 19-Jährige von der LG Lippe-Süd über ihren nicht ganz einfachen Alltag, die Veränderung ihres Körpers nach der Geburt ihrer Tochter Emma und ihre ehrgeizigen Ziele als Leistungssportlerin.

Desiree Singh, wann haben Sie letztmals eine Nacht durchgeschlafen?
Das genaue Datum weiß ich nicht. Aber das kommt schon ab und an vor, wenn meine Tochter Emma bei meinen Pflegeeltern übernachtet, wo ich aufgewachsen bin. Einen festen Tag haben wir aber nicht.

Wie sieht ein normaler Tagesablauf einer alleinerziehenden Schülerin aus, die Leistungssport betreibt?
Das kommt ganz auf den Tag an, in der Regel aber sehr voll. Meistens ist Emma gegen 6 Uhr wach. Dann dösen wir noch ein wenig und machen uns dann fertig für die Schule. Emma wird dort von einer Tagesmutter betreut. Die Schule ist entweder um 13 Uhr oder 15:30 Uhr zu Ende. Um 17 Uhr geht’s zum Training. Ich brauche momentan rund eine Stunde bis zur Halle in Paderborn. Im Sommer halbieren sich die Fahrzeiten nach Horn. Nachdem ich etwa gegen 21:30 bis 22 Uhr zu Hause bin, geht‘s an die Hausaufgaben. Mittwochs ist es ein bisschen entspannter. Da habe ich nur zwei Stunden Schule und kann danach Termine erledigen, wie Arztbesuche oder Behördengänge.

Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?
Da ich keine Eltern habe, die für mich aufkommen, erhalte ich Schüler-Bafög. Dazu kommen Sporthilfe und das Kindergeld für Emma. Außerdem werde ich im vierten Jahr von einem privaten Sponsor unterstützt. Auch der Rotary-Club Detmold hilft mir.

Wann haben Sie Ihre leiblichen Eltern kennengelernt?
Als ich acht Jahre alt war, aber nur meine Mutter. Meinen Vater kenne ich nicht. Zunächst haben wir uns einmal im Jahr im Jugendamt unter Aufsicht getroffen. Als ich 14 Jahre alt war, ist sie weggezogen. Danach haben wir uns häufiger geschrieben.

Ihre Mutter ist 2013 verstorben. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
Es hat mich härter getroffen als zunächst gedacht. Sie hatte gerade ein neues Leben angefangen, hatte einen Job und einen Lebenspartner. Es ist eine extreme Situation, wenn man seine eigene Mutter beerdigt. Es hat mich sehr mitgenommen.

Hat Ihre Mutter Sie eigentlich mal bei einem Wettkampf gesehen?
Ja, ganz am Anfang. Da muss ich 13 Jahre alt gewesen sein und bin natürlich häufiger in der Nähe meiner Heimat Detmold gesprungen.

Bleiben wir beim Sport: Wie oft trainieren Sie in der Saisonvorbereitung?
Wir planen mit vier Einheiten, bei einer davon wird geturnt.

Sind Sie rund 19 Monate nach der Geburt Ihrer Tochter Emma schon körperlich wieder auf dem Stand von vor der Schwangerschaft?
Nein, und so wie es damals war, wird es wahrscheinlich auch nie wieder sein. Der Körper hat sich einfach verändert. Beispielsweise sind Muskeln verschwunden, die in der Kindheit durchs Turnen aufgebaut wurden. Trotzdem fühle ich mich in wichtigen Situationen stärker, obwohl mein momentan größtes Defizit sicherlich die maximale Kraft ist.

Sie kommen vom Leistungsturnen und sind außerdem enorm schnell. An welchen technischen Feinheiten müssen Sie mit Ihrem Trainer Olaf Hilker in Zukunft am stärksten arbeiten?
Eigentlich überall. Ob beim Einstich oder an der „I-Position“ nach dem Aufrollen. Durch die hohe Anlaufgeschwindigkeit verpasse ich häufig einzelne Sprungphasen, sodass ich beim Aufrollen entweder zu wenig Platz habe oder zu früh zur Latte katapultiert werde. Zwar bin ich schon ziemlich schnell, das haben auch Auswertungen ergeben, doch trotzdem holen wir uns regelmäßig Tipps vom Paderborner Sprinttrainer Thomas Prange.

Bei der Hallen-DM in Leipzig sind Sie mit 4,26 Metern Achte geworden, die zweitbeste Höhe Ihrer Karriere. Welche Ziele haben Sie für den Sommer?

Gesund durch die Vorbereitung zu kommen. Dann müssten stabile Höhen um 4,25 bis 4,30 Meter möglich sein. Vielleicht gibt es dann auch einen Ausreißer Richtung 4,35 Meter.

Die deutsche Spitze beginnt bei etwa 4,50 Metern. Wann ist eine solche Höhe für Sie möglich?

Da spielen viele Sachen rein. Aber in zwei, drei Jahren ist das hoffentlich möglich. Es wird seine Zeit dauern, da Steigerungen um 20 Zentimeter innerhalb eines Jahres nicht mehr so leicht sind. Das muss man realistisch sehen.

Wo steht die Stabhochspringerin Desiree Singh in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass ich die vorolympische Saison gesund in Angriff nehmen und mir so berechtigte Hoffnungen machen kann, 2020 beim Kampf um die Olympia-Tickets ein Wörtchen mitzureden.

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