Gina Lückenkemper: Erst Abi, dann Rio

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Sonne und Stadion statt Schmuddelwetter und Schulbank: Sprint-Aufsteigerin Gina Lückenkemper (LG Olympia Dortmund) ist der Winter-Tristesse Westfalens entflohen und bereitet sich noch bis zum 15. Januar unter dem blauen Himmel Teneriffas auf die kommende Saison vor. Allerdings wird man die WM-Fünfte mit der Staffel in diesem Winter bei Meetings oder Meisterschaften nicht zu Gesicht bekommen. „Ich habe mich gegen Wettkämpfe im Winter entschieden. Im April steht das Abitur an, die Vor-Abi-Klausuren im Februar. Das geht einfach vor“, sagt die 19-Jährige.

Schließlich musste die U20-Europameisterin über 200 Meter nach ihrer grandiosen Saison 2015 so einiges in der Schule aufholen, was sie durch WM-Vorbereitung und WM-Start verpasst hatte. So standen vor Weihnachten elf Klausuren binnen sechs Wochen auf dem Terminplan – und das Training blieb das eine oder andere Mal ganz bewusst auf der Strecke. „Ich wollte mir da keinen Stress machen, noch unbedingt das Training durchziehen zu müssen“, blickt das Sprint-Talent zurück.

Nach vier Monaten wieder in Spikes > Trotz des Trainingsrückstandes schätzt sie ihre Form schon als recht gut ein, auch wenn noch keine harten Tempoeinheiten auf dem Programm standen. „Momentan bin ich immer noch im Grundlagentraining. Am Dienstag hatte ich zum ersten Mal seit dem ISTAF Anfang September wieder Spikes an“, berichtet die Soesterin. Zehn Trainingseinheiten pro Woche spult Gina Lückenkemper in Teneriffa zusammen mit anderen deutschen Sprinterinnen ab. Für sie ein straffes Programm: Zu Hause kommt sie unter Anleitung ihres Trainer Uli Kunst lediglich auf fünf Einheiten pro Woche.

Zu den zahlreichen deutschen Sprintern und Springern, die momentan auf der Kanareninsel an der Form feilen, zählt auch Rebekka Haase (LV 90 Erzgebirge). Die dreifache U23-Europameisterin teilt sich das Zimmer mit Gina Lückenkemper. Mit 23 Jahren zählt auch sie zu den deutschen Sprint-Hoffnungen. Schon jetzt schmieden beide Pläne für die Sommersaison – denn dann zählt es: Die Europameisterschaften in Amsterdam (Niederlande) und die Olympischen Spiele in Rio (Brasilien) locken.

Vorfreude auf Rennen gegen Rebekka Haase > Die Olympia-Einzelnorm steht für die 200-Meter-Spezialistinnen bei 22,85 Sekunden. Für beide eine machbare Zeit, auch wenn ihre Bestleistungen noch eine (Haase) bzw. zwei Zehntelsekunden (Lückenkemper) langsamer sind. „Wir würden gern bei den Meetings so oft es geht in einem Rennen gegeneinander laufen“, sind sich die wohl stärksten 200-Meter-Läuferinnen des Landes einig. Das war im vergangenen Jahr nicht so. Oft liefen sie zwar bei derselben Veranstaltung, aber in unterschiedlichen Rennen. Bei stärkerer Konkurrenz wären für beide wahrscheinlich bessere Zeiten möglich gewesen.

Obwohl Gina Lückenkemper bei etwas zu viel Rückenwind (+2,6 m/sec) die 200 Meter schon in 22,41 Sekunden gerannt ist, nimmt sie die Olympianorm nicht als „Pflichtaufgabe“ wahr. „Ich möchte erst einmal bei regulären Bedingungen eine 22er-Zeit laufen. Klappt das in diesem Jahr, wäre das für mich vollkommen okay.“ Dass ihr Richtung Amsterdam und Rio nur wenige Qualifikationschancen bleiben, ist der Soesterin bewusst: „Ende April, Anfang Mai geht’s ins Trainingslager. Dann kommen die Meetings in Weinheim und Regensburg, gefolgt von den Deutschen Meisterschaften.“

Große Sprintausdauer, langer Schritt > Für die WM 2015 in Peking (China) hatte sich Gina Lückenkemper überraschend nicht über ihre Spezialstrecke, die 200 Meter, qualifiziert, sondern über die 100 Meter. Überraschend deshalb, weil der Start noch zu ihren Schwächen zählt. So glaubt sie, dass ihre 100-Meter-Bestzeit von 11,25 Sekunden deutlich schwieriger zu knacken sein wird als der 200-Meter-Hausrekord von 23,04 Sekunden. „Wenn dieses Jahr eine Zeit unter 11,30 Sekunden herausspringt, kann ich sehr zufrieden sein“, schätzt die Schülerin mit der großen Sprintausdauer und dem langen Schritt ihr Potenzial ein.

Dass sie allerdings immer für einen „Ausreißer nach oben“ gut ist, hat Gina Lückenkemper vergangenes Jahr bewiesen: Auf den U20-EM-Titel folgten WM-Platz fünf mit der Staffel, der Einzelstart in Peking und die Ehrung zur „NRW-Newcomerin“ des Jahres. Auf welche Leistung sie besonders stolz ist? „Darauf, dass mein Kopf immer mitgemacht hat. Es waren doch sehr viele und intensive Eindrücke“, sagt Gina Lückenkemper.

Aufstieg im Düsenjet-Tempo > Den Aufstieg von der erfolgreichen Jugendsportlerin hin ins WM-Finale von Peking absolvierte sie schließlich im Düsenjet-Tempo. Da tut es gut, es in diesem Jahr ein wenig langsamer angehen zu lassen. Was sie nach dem Abitur machen will, weiß die Soesterin noch nicht genau. Wahrscheinlich wird sie sich die Zeit nehmen, um bei Praktika verschiedene Berufe kennenzulernen. Vielleicht darf im Herbst dann der eine oder andere Arbeitgeber in Westfalen ja eine Olympia-Starterin als Praktikantin begrüßen?

Den Weg Richtung Rio – ob in der Staffel oder im Einzel – hat Gina Lückenkemper unter der Sonne Teneriffas jedenfalls längst eingeschlagen.

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